Eternal Rose

Er betrachtete ihre Hände, das perlmuttschimmernde Rosé des Nagellacks war an einigen Stellen abgesplittert. »Liebelein, du brauchst neue Farbe.«
Sie antwortete nicht. Schon seit Jahren redete er mit sich selbst.
Angefangen hatte es mit Kleinigkeiten. Der verlorene Schlüssel, die verlegte Post, das angebrannte Essen. Nichts, was nicht jedem anderen auch hätte passieren können, nur dass es zu ihrer übergenauen Art nicht passte. Als sie schließlich sogar seinen Geburtstag vergaß – ein Novum in ihrer sechzigjährigen Beziehung –, ging er mit ihr zum Arzt.
Alzheimer.
Er schwor ihr, sie nie zu verlassen, sich um sie zu kümmern und bis zum Schluss bei ihr zu bleiben.
Es dauerte eine Weile, bis sie sich in der Welt nicht mehr zurechtfand. Ein paar Jahre nach der Diagnose fing sie an, ihn in der Wohnung nach dem Weg zur Toilette zu fragen. Später verlangte sie, dass er sie beim Einkaufen im Supermarkt an der Hand führte, weil sie Angst hatte, sich ohne ihn zu verlaufen. Eines Morgens dann geriet sie völlig außer sich, weil sie die ausgestopften Vögel, die sich überall in der Wohnung befanden, für lebendig hielt. Es gelang ihm kaum, sie zu beruhigen, dabei hatte sie die Tiere früher geliebt. Schweren Herzens schaffte er die von ihm selbst geschossenen und präparierten Viecher in den Keller. Der schlimmste Tag aber war der, an dem sie ihn nicht mehr erkannte. Für ein paar Stunden saß er auf dem Sofa und weinte, dann riss er sich zusammen. Er hatte gewusst, dass es so kommen würde, jetzt brauchte sie erst recht seine Hilfe. Bald ließ ihre Koordination nach, alleine zu essen fiel ihr von Mal zu Mal schwerer. Auch das Anziehen dauerte immer länger. Das Einzige, was sie noch eine Weile ohne seine Hilfe hinbekam, war das Feilen, Polieren und Lackieren ihrer Fingernägel. Nur die Utensilien für die Maniküre musste er ihr auf einem Tablett bereitstellen, weil sie sich nicht mehr daran erinnern konnte, wo sich die Sachen normalerweise befanden.
Schon als er sie mit achtzehn bei der Geburtstagsfeier seines Cousins kennenlernte, schimmerten ihre Fingernägel in einem milchigen Rosa. Auch der Rest ihrer Erscheinung wirkte ätherisch, das feine Blondhaar, die filigranen Gesichtszüge, die schmale Statur. Am meisten faszinierten ihn allerdings ihre zarten Hände mit den an exquisite Muscheln erinnernden Fingernägeln. So etwas kannte er nicht. Seine Mutter hatte nie Nagellack verwendet, ihre Hände waren von der Arbeit als Floristin meist schrundig und aufgerissen. Er fand es unangenehm, wenn sie ihn berührten.
Nach der Hochzeit beobachtete er seine Frau oft dabei, wie sie ihre Nägel bearbeitete, sobald der Lack abzublättern begann. Er mochte das leichte Stechen des Entferners in seiner Nase, den Duft nach Farbe und Handcreme. Ihre Lieblingslack war Eternal Rose. Eine Farbe, die bei ihm Assoziationen weckte zu den geröteten Wangen barocker Engel.
Er brummte leise Es ist ein Ros‘ entsprungen vor sich hin. Bis zu dem Tag, an dem sie komplett verstummt war, hatten sie das Lied gemeinsam gesungen, jedes Weihnachten. Ihre Stimme zitterte dabei von Jahr zu Jahr mehr. Doch selbst, als ihr die Worte abhandengekommen waren, gelang es ihr noch lange, die Melodie zu summen.  
Vorsichtig legte er ein Holzbrettchen unter ihre rechte Hand und schob den Ärmelsaum ihres weißen Häkelkleids nach oben. Das Tablett mit den Gerätschaften für die Maniküre stand bereit. Zuerst der Entferner. Acetongeruch kratzte an den Schleimhäuten seiner Nase. Immer wieder benetzte er einen Wattebausch mit der klaren Flüssigkeit und rieb damit über ihre Nägel, bis die alte Farbe verschwunden war. Mit der Feile glättete er unebene Stellen. Dann öffnete er bedächtig die Flasche mit dem Lack. Jetzt brauchte er eine ruhige Hand, sonst musste er wieder von vorne beginnen. Daumen, Zeige- und Mittelfinger gelangen perfekt. Er machte eine kurze Verschnaufpause, betrachtete sein Werk. Anfangs hatte er sehr lange für die Maniküre gebraucht, weil der Lack zuverlässig dort landete, wo er nicht hingehörte. Mit der Zeit hatte sich das gebessert, mittlerweile war er ein richtiger Profi. Er schmunzelte, als er sich vorstellte, wie er gutbetuchten Damen im Schönheitssalon die Nägel manikürte.
Der alte Mann und der Lack.
Eternal Rose.
Er hatte sämtliche Vorräte bei Douglas aufgekauft, nachdem er erfahren hatte, dass der Hersteller die Produktion der Farbe einstellen wollte. Fünfzehn Fläschchen. Nun war nur noch eines übrig. Und auch das fast leer.
Die rechte Hand war fertig, jetzt kam die linke.

Es ist ein Ros‘ entsprungen
aus einer Wurzel zart,
wie uns die Alten sungen,
von Jesse kam die Art
und hat ein Blümlein ‚bracht
mitten im kalten Winter,
wohl zu der halben Nacht.


Seine Stimme brach, er verschloss die Nagellackflasche und erhob sich von seinem Platz. Lange betrachtete er die Liebe seines Lebens, ihr blondes Haar war mittlerweile so weiß wie das Festtagskleid, das er ihr erst am Morgen angezogen hatte, ihre Gestalt hingegen wirkte noch immer so grazil wie eh und je.
Sie würden sie ihm wegnehmen.
Zwei Wochen vor Weihnachten war der Brief gekommen. Er hatte nicht damit gerechnet, dass der medizinische Dienst dieses Mal einen Arzt schicken würde, der seine Frau untersuchen und persönlich mit ihr sprechen sollte, um festzustellen, ob der Pflegegrad noch angemessen oder eine Unterbringung in einem Heim angezeigt war. In den vergangenen Jahren hatte sich der immer gleiche gestresste Gutachter mit einem Blick auf eine zugedeckte Gestalt im abgedunkelten Schlafzimmer zufriedengegeben und den Pflegegrad seiner Frau ohne eingehende Untersuchung oder persönliche Ansprache bestätigt, froh darüber, seinen Zeitrückstand aufholen zu können. Im Gehen hatte er jedes Mal gesagt: „Sie sind über neunzig, sie können Hilfe bekommen, sie müssen das nicht alleine stemmen.“ Er hatte abgewunken. Nein, Hilfe brauchte er nicht.
Sein Blick irrte zum Weihnachtsbaum, einer winzigen Blautanne, die auf dem Beistelltisch neben der Couch thronte. Ihr festlicher Schmuck hatte ihn zwei Stunden Arbeit gekostet. Er schob seine Frau im Rollstuhl an ihren Stammplatz neben dem Tisch, strich ihr Kleid über den Beinen glatt, zupfte eine Locke zurecht. Bei ihren Haaren hatte er sich heute besonders viel Mühe gegeben. Schließlich war Weihnachten.
Das weiße Hemd und die Anzughose hatte er bereits am Morgen angezogen, nun ging er ins Schlafzimmer und holte aus dem Schrank seine beste Krawatte. Fluchend band er sich vor dem Spiegel den Schlips um den Hals, er brauchte drei Anläufe, bis der Knoten richtig saß. Jetzt fehlte nur noch das Jackett mit dem blau schimmernden Futter, das ihn an das Meer erinnerte, über das sie so oft gefahren waren. Damals, als er noch Forstwirtschaftsmeister war und sie Chefsekretärin, als sie noch Urlaube machen konnten, um mit einem Traumschiff über die Ozeane dieser Welt zu schippern.
Sie hatten sich Kinder gewünscht, aber keine bekommen können, seine Samenleiter war durch eine angeborene Fehlbildung verklebt und er damit zeugungsunfähig. Die Kreuzfahrten dienten ursprünglich nur als Ablenkung, wurden aber mit der Zeit zu ihrem Lebensinhalt. Die ganze Wohnung hatten sie vollgehängt mit Fotos von ihren Urlaubsreisen.
Vor fünf Jahren hatte er mit ihr den siebzigsten Hochzeitstag gefeiert. Da war er neunundachtzig und fast sein gesamtes Leben lang an ihrer Seite gewesen. Sie nicht neben sich zu haben, konnte er sich nicht vorstellen. Ihre Ehe war immer glücklich gewesen, auch rückblickend gab es nichts, was er bedauerte oder anders gemacht hätte. Das Einzige, womit er haderte, war, dass sich ihr Geist viel zu früh in den Weiten einer fremden Welt verloren hatte und er sie weder erreichen noch ihr dorthin folgen konnte. Ihm blieb nichts anderes übrig, als an ihrer Seite auszuharren. Und das würde er tun. Bis zum Schluss.
Den Revolver hatte er schon vor einigen Tagen aus dem Safe geholt und gereinigt. Er besaß einen Smith & Wesson mit Sechsertrommel. Jetzt bestückte er die Waffe mit Munition und legte sie auf die Armlehne des Sessels, der neben dem Rollstuhl seiner Frau stand. Langsam knöpfte er sein Jackett zu, zog noch einmal den Krawattenknoten zurecht, dann setzte er sich neben sie und legte seine Hand auf die ihre. Als Jäger wusste er, auf welche Stelle er zielen musste.

»Ein sauberer Schuss«, resümierte der Pathologe. »Er war sofort hinüber.«
»Und die Frau? Wie lange ist sie schon tot?
»Schwer zu sagen. Vier, vielleicht fünf Jahre. Er hat sie perfekt präpariert. Sehen Sie sich dieses Gesicht an: Als wäre sie lebendig.«

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