Lottogewinn

Franziska wartete. Das Gedränge am Glühweinstand hatte bereits etwas nachgelassen, aber noch immer standen die Leute in großen Trauben vor dem Ausschank. Kälte kroch ihr in die Knochen, diese Jahreszeit war noch nie ihr Favorit gewesen und jetzt, mit fast achtzig, würde sich daran ganz sicher nichts mehr ändern. Das Einzige, was ihr am Dezember gefiel, war das Weihnachtsfest.
Vereinzelt taumelte eine Schneeflocke von einem Himmel, der so unappetitlich aussah wie angebrannte Milch. Franziska zog den Gürtel des Daunenmantels enger, der Wollschal kratzte hinterhältig am Hals. Mit einem Seufzen wechselte sie das Standbein. Warum dauerte das nur so lange!
Franziska hatte den Randbereich des Glühweindufts erreicht, als sie das Ruckeln an der Umhängetasche spürte. Schlangenschnell griff ihre Hand zu und krallte sich um den Arm einer Frau, der bereits tief im Inneren des ledernen Beutels verschwunden war. »Ich werde beklaut!« Franziskas Kreischen, klirrend wie zerspringendes Glas, tat sogar ihr selbst in den Ohren weh. Aus den Augenwinkeln beobachtete sie, wie die Leute aufmerksam wurden, sich umdrehten, die Situation sondierten. Unterdessen versuchte die Frau, dem Schraubstock der gestählten Handmuskeln zu entkommen. Franziska schrie jetzt noch lauter, neunzig Dezibel, hundert Dezibel, eine Kreissäge war nichts dagegen. Endlich packte ein Hüne die zappelnde Diebin von hinten und hielt sie fest. Laut fluchend trat sie um sich, doch Franziska hatte sich bereits zwei Schritte zurückgezogen, sodass ihr ein schmerzendes Schienbein erspart blieb. Rufe nach der Polizei ertönten. Wenige Minuten später standen zwei Beamte im Kreis der Menschenmenge und nahmen die Delinquentin fest.

»Ah, die Frau Dillinger mal wieder. Dumm, schon das dritte Mal dieses Jahr. Schlechtes Timing. Sieht ganz danach aus, als würdest du Weihnachten im Knast verbringen.« Der Beamte schüttelte missbilligend den Kopf und begann damit, die Personalien zu erfassen. Die Angesprochene runzelte die Stirn, erwiderte aber nichts. Missmutig zupfte sie an ein paar dunklen Haarsträhnen, die unter der meerblauen Mütze hervorzottelten, der Blick ging ins Nirgendwo. Stille Nacht, heilige Nacht strömte aus einer Ecke der Polizeistation in den Raum und kreuzte das Klappern der Computertastatur, die stickige Luft war gedüngt mit dem Geruch von tausenden Tassen Kaffee.
Franziska räusperte sich und schielte über den armseligen Adventskranz, der auf der Theke vor sich hin rieselte. »Aber Herr Wachtmeister, es ist Heiligabend. Da muss die Dame doch sicher nicht ins Gefängnis, oder?«
Der Polizist sah sie irritiert an. »Wollen Sie jetzt Anzeige erstatten oder nicht, Frau Selak?«
»Na ja«, nuschelte Franziska unsicher.
Der Polizist holte tief Luft. »Die Frau Dillinger hat Sie beklaut. Ihr Portemonnaie, Frau Selak, befand sich bereits in der Manteltasche dieser Person, als wir sie festgenommen haben.«
»Das schon«, intonierte Franziska und beäugte die Frau in ihrem zu langen Mantel und der zu kurzen Hose. »Aber dass sie an Weihnachten ins Gefängnis muss, will ich nicht.«
»Das wird aber nicht anders gehen, wenn Sie sie anzeigen.« Der Polizist blies die Backen auf und ließ die Luft dann mit einem Ploppen entweichen. »Außerdem ist die Frau Dillinger eine notorische Diebin. Vielleicht hört sie mit dem Mist ja auf, wenn sie Weihnachten mal im Knast verbringen durfte.«
Die notorische Diebin starrte den Beamten an, ihr Gesicht mit der langen Nase und dem breiten Mund blieb unbewegt. Eine Statue, von den Osterinseln versehentlich in die Polizeistation gebeamt.
»Ach, ich weiß nicht.« Franziskas Ton wurde weinerlich. »Sie sieht gar nicht aus wie eine Diebin. Vielleicht habe ich mich getäuscht und sie hat mich gar nicht beklaut? Vielleicht ist das gar nicht mein Portemonnaie?«
Der Polizist schnaubte. »Aber Sie haben es doch vorhin selbst identifiziert!«
»Darf ich das Portemonnaie nochmal sehen?«, fragte Franziska kleinlaut.
»Bitte sehr.« Der Mann warf die lederne Geldbörse auf den Tresen. Franziska nahm sie in die Hand und öffnete sie mit Zitterfingern.
»Sieht aus wie meins.« Sie klappte das Portemonnaie auf und zu, ihre Bewegungen wurden konfuser. »Aber da war nicht so viel Geld drin. Oder doch?« Franziska zählte die Scheine, einige fielen zu Boden. Ächzend sammelte sie die Fünfziger, Zwanziger und Zehner wieder ein. Zusammen mit den in der Brieftasche verbliebenen waren es über fünfhundert Euro. »So viel hatte ich nicht«, jammerte sie. Sie legte die Börse zurück auf den Tresen und begann, hektisch in ihrer Handtasche zu wühlen. Durch die Fransen ihres Ponys beobachtete sie, wie sich der starre Blick der Statue veränderte. Mit einem Greinen zog Franziska ein Portemonnaie aus ihrem Beutel. Es sah genau so aus wie das Exemplar, das vor ihr auf dem Tresen lag. Sie klappte es auf, befingerte die Scheine, klappte es wieder zu. »Oh mein Gott!«, lamentierte sie. »Das tut mir so leid!«
Der Polizist rieb sich die Stirn bis sie so rot leuchtete wie eine Ampel. »Also keine Anzeige«, presste er hervor.
»Oh je! So viel Unannehmlichkeiten an Heiligabend. Wie kann ich das nur wieder gutmachen?« Franziska fuchtelte mit den Armen in der Luft herum, dann rupfte sie einen Fünfzig-Euro-Schein aus ihrer Geldbörse und legte ihn auf den Tresen. »Tun Sie das in die Kaffeekasse, Herr Wachtmeister!« Den Widerspruch des Mannes ignorierend wandte sie sich der Statue zu, die mittlerweile etwas weniger steinern wirkte. »Und Sie, liebe Frau Dillinger, lade ich ganz, ganz herzlich zu einem Weihnachtsessen ein. Als Wiedergutmachung!« Die Osterinselfrau sah Franziska an, nickte. Noch immer hatte sie kein Wort gesprochen, aber ihre Mundwinkel zuckten.

Das Thairestaurant war an Heiligabend wenig besucht, nur vereinzelt saßen Gäste an den kleinen Tischen. Die Lichtinstallationen an den Wänden erinnerten an Star Trek, die Kellner in ihren Trainingsanzug-Uniformen an Squid Game. Aber es war gut geheizt. Trotzdem fröstelte Franziska, als sie einen Blick aus dem Fenster warf, der leichte Schneefall vom Vormittag hatte sich zwischenzeitlich in Nieselregen verwandelt. Die Osterinselfrau war endlich fertig damit, ihre umfangreiche Kälteschutzkleidung abzulegen und setzte sich auf die andere Seite des Tisches. Die vereinzelten Sommersprossen auf ihrem Nasenrücken wirkten wie die Positionslichter eines Flughafens.
»Deine Technik ist verbesserungswürdig«, begann Franziska. »Zugegeben: Magnetverschlüsse sind die Pest, ruckelfrei kriegst du die normalerweise kaum auf. Aber es gibt einen Trick: Wenn du mit einem langen Fingernagel zwischen die Magnete fährst, kannst du den Verschluss problemlos öffnen.« Franziska reckte den rechten Zeigefinger mit einem sehr langen Nagel in die Luft, nahm ihre Tasche vom Nebensitz und führte den Kniff vor. »Mein Name ist übrigens Franziska. Darf ich dich Hannah nennen?«
Die Frau nickte, zog jedoch die Stirn kraus. »Was sollte das Ganze eigentlich?«, fragte sie. Ihre Stimme klang rauer und tiefer als von Franziska vermutet. »Ich habe versucht, dich zu beklauen. Okay, hat nicht geklappt. Blöd. Doch dann schiebst du mir das Ding hier unter.« Sie zog die andere Geldbörse aus ihrer Jackentasche und legte sie Franziska hin. »Die gehört doch auch dir, oder etwa nicht?«
Franziska grinste, Falten umstrahlten ihre Augen. »Klar. Sollte ein kleines Weihnachtsgeschenk sein.«
»Weihnachtsgeschenk?«
Bevor Franziska sich erklären konnte, kam einer der Kellner im Trainingsanzug und fragte nach ihrer Bestellung. Sie entschied sich für ein Curry und ein Glas Mineralwasser, Hannah wählte gebratene Glasnudeln mit Gemüse und eine Cola.
»Wie war das jetzt mit dem Weihnachtsgeschenk?«, insistierte Hannah. Ihre Sommersprossen hatten mittlerweile passend zum Rest der Nase eine leicht rötliche Färbung angenommen.
»Ich bin im Krieg geboren worden«, begann Franziska schließlich zögernd. »Mein Vater musste sofort nach der Hochzeit meiner Eltern an die Front. Von dort kehrte er nicht mehr zurück. Meine Großeltern kamen bei einem Bombenangriff ums Leben. Meine Mutter und ich mussten uns daher alleine durchschlagen. Um nicht zu verhungern, begann ich zu klauen.«
Trainingsanzug brachte die Getränke.
»Mit Mitte Dreißig lernte ich Franz kennen«, fuhr Franziska fort. »Er war ein Hochstapler, ein sehr gewitzter sogar. Als ich bei Karstadt mal wieder ein paar Kosmetikartikel hatte mitgehen lassen, weil mein winziger Fabriklohn gerade so für Essen und Unterkunft reichte, sprach er mich beim Verlassen des Gebäudes an und gab sich als Kaufhausdetektiv aus. Er war sehr überzeugend, doch als er mich anstatt zum Polizeirevier zu einem kleinen Café brachte, flog der Schwindel natürlich auf. Wir heirateten bald darauf und bekamen eine Tochter. Dank unseres Geschicks lebten wir trotz Franz‘ schlecht bezahlten Teilzeitjob als Wachmann sehr komfortabel, mit der Polizei hatten wir nie Probleme. Alles lief prima, unsere Tochter wuchs heran, ohne zu wissen, wie ihre Eltern die gute Schule und die teuren Klamotten finanzierten. Später machte sie Andeutungen, sie ahnte wohl etwas, aber wir wichen ihren Fragen stets aus. Das war ein Fehler, denn so entfremdete sie sich mit der Zeit von uns, ohne dass wir es bemerkten. Vor fünfzehn Jahren starb sie überraschend an Brustkrebs, sie hatte über ihre Erkrankung nicht ein einziges Wort zu uns gesagt. Ich war darüber zutiefst unglücklich und kapselte mich ab. Daher entging mir, dass Franz unter dem Tod unserer Tochter noch mehr litt als ich. Nicht einmal ein Jahr, nachdem sie gestorben war, erlag er einem Herzinfarkt.«
Trainingsanzug präsentierte das dampfende Essen, bevor er es mit Schwung auf den Tisch knallte. Franziska probierte das Curry, es besaß eine angenehme Schärfe, die erst ihre Schleimhäute und dann den gesamten Körper wärmte. Sie seufzte zufrieden und aß langsam und genüsslich. Hannah hingegen schaufelte sich mit enormer Geschwindigkeit ihre Glasnudeln in den Mund.
»Bist du im Kinderheim aufgewachsen?«, fragte Franziska. Hannah hielt irritiert inne.
»Ja. Aber woher …?«
»Die Art, wie du isst.«
Hannah starrte ein paar Sekunden auf ihre Glasnudeln, dann begann sie, langsamer zu essen.
»Und was hat dich zum Klauen gebracht?«, setzte Franziska nach.
»Na ja, im Kinderheim gab’s zum Geburtstag oder zu Weihnachten nie die Dinge, die ich mir gewünscht hatte. Und selten die Kleidung, die mir gefiel. Anfangs habe ich versucht, die Sachen mit den anderen Kindern zu tauschen. Aber die besaßen ja auch nichts Tolles. Da habe ich angefangen, mir meine Wünsche auf andere Weise zu erfüllen. Dabei ist es geblieben. Als Friseuse verdienst du nicht viel.«
Franziska nickte. »Was war das Verrückteste, was du jemals geklaut hast?«
Hannah überlegte, zog die Brauen zum Balken zusammen. »Ein Rosenstrauß. Für meinen Schatz. Drei Monate später hat er mich dann verlassen. Wegen einer anderen. Fuck Florian.«
Franziska schnalzte mit der Zunge. »Ich habe mal die Quittung eines Lottoscheins geklaut. Von der ehemaligen Englischlehrerin meiner Tochter. Ich konnte die Frau nicht ausstehen, sie war so eingebildet und arrogant, eine echte Schülerquälerin. Zufällig stand ich neben ihr am Kiosk, als sie ihren Tippschein abgab und die Quittung in ihre Handtasche steckte. Ich verwickelte sie in ein Gespräch und fischte mir das Stück Papier.« Franziska kicherte. »Und am Samstagabend stellte ich mir vor, wie sie während der Ziehung der Lottozahlen ihre Wohnung auf der Suche nach der Quittung umpflügt.«
»Großartig«, johlte Hannah. »Und? Hast du was gewonnen?«
Franziska wischte sich die Lachtränen aus den Augenwinkeln. »Du wirst es nicht für möglich halten, aber ich habe tatsächlich etwas gewonnen.«
»Echt jetzt?«
»Ja. Ein bisschen was.«
Hannah lachte jetzt lauthals und hemmungslos. »Das ist die beste Geschichte, die mir je untergekommen ist«, gluckste sie, nachdem sie sich etwas beruhigt hatte. »Aber jetzt hast du immer noch nicht erzählt, was es mit dem Weihnachtsgeschenk auf sich hat.«
Franziska betrachtete für einen Augenblick die vom Himmel schwebenden Wasserperlen auf der anderen Seite der Fensterscheibe, bevor sie zu sprechen begann. »Seit vierzehn Jahren lebe ich nun allein. Franz fehlt mir, weißt du, besonders an Weihnachten. Deswegen gehe ich jedes Jahr am Heiligabend los und ziehe die Nummer mit der Geldbörse ab. Irgendein armer Langfinger kommt so zu einem Weihnachtsessen und ich zu Gesellschaft.«
Hannah grinste. »Guter Plan.«
Nach kurzem Schweigen sagte Franziska: »Lass uns auf Weihnachten anstoßen.« Sie winkte einem Trainingsanzug und bestellte zwei Prosecco. Als die Getränke kamen, prostete sie Hannah zu. »Auf Weihnachten. Und auf deine Zukunft!«
Hannahs breiter Mund sah jetzt aus wie eine Mondsichel. »Das Essen war prima«, erklärte sie mit Nachdruck, als Franziska die Rechnung bestellte. »In so ein teures Lokal wäre ich normalerweise nie gegangen. Gutes Weihnachtsgeschenk! Vielen Dank.«
Franziska nickte. »Und ich bedanke mich für die nette Gesellschaft.« Dann schob sie die Geldbörse, die seit Beginn des Essens unbeachtet auf dem Tisch gelegen hatte, zu Hannah hinüber. »Die hier ist übrigens für dich.«
»Ernsthaft? Aber da ist richtig viel Geld drin!« In Hannahs Augen explodierte eine Supernova. Vorsichtig nahm sie das Portemonnaie und strich mit den Fingerspitzen über das Leder.
»Geht in Ordnung«, entgegnete Franziska mit einem Lächeln. »Ist ja Weihnachten.«

Zu Hause wollte Hannah das Geld in der Börse zählen. Dabei fiel ihr aus dem Münzfach ein Schlüssel und eine Magnetkarte mit Namen, Anschrift und Öffnungszeiten einer Schließfachgesellschaft entgegen. Wenig später, im Tresorraum der Firma, mutierte Hannah vor Überraschung erneut in eine Osterinselstatue. Denn hinter der Schließfachtür lagerten in einer koffergroßen Box bündelweise Hundert-Euro-Scheine.

2 thoughts on “Lottogewinn

  1. Liebe Claudia-eine schöne Geschichte mit interessanten Wendungen. Es wird mir dabei warm um‘s Herz!
    Alles Gute im neuen Jahr wünsche ich Dir und hoffentlich sehen wir uns im Sommer!

  2. Liebe Claudia,

    gefällt mir sehr

    Wünsche Dir, Michael und Jona *Frohe Weihnachten* und alles erdenklich Liebe und Gute für 2022.

    Liebe Grüße

    Maren

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