Einsamkeit gesucht

Seit die Corona-Pandemie uns immer wieder mehr oder weniger ausgedehnte Lockdowns beschert hat, werde ich manchmal von Freund:innen und Bekannten gefragt, ob für mich jetzt nicht die perfekte Zeit zum Schreiben ist. Keine Lesungen oder sonstige Veranstaltungen. Totaler Rückzug und Abschottung von der Welt. Keine Ablenkung durch kulturelle Angebote usw.
Tja, die meisten Menschen stellen sich das für eine Schriftstellerin wohl ideal vor. Ist es aber nicht.
Warum?
Weil ich keine Ruhe habe.
Weil die Einsamkeit fehlt.
Weil so viele Dinge wichtiger sind. Tatsächlich und gefühlt.
Nebenbei: Mein Sohn ist zwar fast erwachsen, aber dennoch im Homeschooling. Und mein Mann arbeitet zwar viel, aber seit jetzt fast einem Jahr im Homeoffice. Was heißt das für mich? Die Ruhe, der Rückzug, sprich die Einsamkeit, die ich zum Schreiben brauche, fehlen. Und das seit einem Jahr.
Alle, die das Schreiben hauptberuflich betreiben, sagen, das es der einsamste Job der Welt ist. Ich kann das aus eigener Erfahrung bestätigen. Aber obwohl es schlimm klingt, ist es das nicht, ganz im Gegenteil. Einsamkeit ist extrem hilfreich beim Schreiben. Denn wenn ich mich in mein Paralleluniversum ausklinken möchte, um Geschichten, die in meinem Gehirn gären, aufs Papier zu bringen, kann ich das nur, wenn nichts und niemand mich stört. Als ADHSlerin bin ich sehr reizoffen, habe also ohnehin Schwierigkeiten, das alltägliche Getöse um mich herum auszublenden.
Wenn nun ständig zwei Leute im Haus sind, gelingt es mir nie gänzlich, deren Lautäußerungen zu supprimieren, trotz Ohrstöpseln und obwohl sie sich in anderen Räumen aufhalten. Vielleicht schaffe ich es für kurze Zeit, aber schon das Lachen meines Mannes während einer Telefonkonferenz katapultiert mich innerhalb einer Millisekunde heraus aus meinem Universum und lässt mich betonklotzartig in der Realität des häuslichen Alltags einschlagen.
Das wars dann mit dem wundervollen Satz, den ich mir gerade in Gedanken zurechtgedrechselt hatte. Oder der tollen Idee für das nächste Kapitel meines Buches. Oder der Erkenntnis, dass die Geschichte nur mit genau diesem Plot Twist funktioniert.
Passiert das immer wieder, finde ich irgendwann keinen Zugang mehr zu meinen Gedanken. Das, was mir sonst in den Phasen, in denen ich nicht schreibe, als Inspiration und Ideenquelle dient, dieses ich sehe, höre, spüre, rieche alles, ist während des eigentlichen Schreibprozesses absolut hinderlich. Leider kann ich nicht nicht wahrnehmen. Daher brauche ich Ruhe. Absolute. Und die habe ich nur, wenn niemand sonst da ist.
Wirklich niemand.
Katzen ausgenommen.

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