Stresstest

Immer alles mitzubekommen, ist ausgesprochen stressig. Menschen mit Autismus oder ADHS können ein Lied davon singen. Ständig werden sie überschwemmt von Sinnesreizen, die vom Gehirn sortiert, gewichtet und bearbeitet werden müssen. Das kann nur gelingen, wenn die Flut nicht überhand nimmt, sonst geht vieles im Strom der Transmitter einfach unter, was wiederum neuen Stress erzeugt, da es auf diese Weise an wichtigen Informationen fehlt, ohne die adäquates Handeln kaum möglich ist. Aus diesem Grund ist der durchschnittliche Stresslevel von Menschen mit Autismus und ADHS höher als der von neurotypischen, es sei denn, sie sind gerade allein und befinden sich in einer ruhigen Umgebung. Aber selbst dann kann es tückisch werden, so viele Gedanken schwappen durch den Kopf, durchtränken das Bewusstsein und spülen irgendwann den sicheren Boden unter den Füßen davon. Auch Alleinsein ist nicht immer die Lösung.
Strukturen und Rituale helfen, der Flut Herr zu werden, da sie dem Gehirn ermöglichen, auf Autopilot zu schalten und nicht mehr über Handlungsoptionen nachdenken zu müssen. Doch wehe, das Gewohnte wird in Frage gestellt oder gar verändert! Hölle! Der so mühsam errichtete Damm bricht und die Reizüberflutung schwemmt jede Sicherheit hinweg. Wundert es, dass Menschen mit Autismus oder ADHS in solchen Situationen gerne ausrasten?

Während meiner gesamten Schulzeit war ich dem Fach Mathematik in tiefer Abneigung verbunden, was – neben meinem Bilderdenken – zu einem Großteil an der Lehrerin lag, die meine Klasse von der fünften bis zur zehnten unterrichtete. Ich hatte große Probleme damit, wie sie die Inhalte vermittelte, nur selten verstand ich ihre Ausführungen auf Anhieb. Meist saß ich nachmittags verzweifelt vor meinen Mathehausaufgaben und versuchte herauszufinden, worum es am Morgen im Unterricht eigentlich gegangen war. Vermutlich hielt die Lehrerin mich für unterbelichtet, da sie in Mathematik gut sein gleichsetzte mit intelligent sein. Außerdem wurde ich den Eindruck nicht los, dass sie mich nicht leiden konnte. Das immerhin beruhte auf Gegenseitigkeit. So wuchs meine Abneigung gegen das Fach von Jahr zu Jahr. Der reinste Horror waren für mich daher auch Mathematik-Klassenarbeiten. Meist stieg mein Erregungslevel bis zum Test so stark an, dass mir während der Prüfung all mein mühsam angepauktes Wissen schlagartig abhanden kam. Das Ergebnis war natürlich immer eine schlechte Note. Irgendwann hielt ich mich auf diesem Gebiet für komplett dumm.
Heute weiß ich, dass meine damaligen Blackouts übertriebene Stressreaktionen waren, wie sie so häufig bei Menschen mit Autismus oder ADHS vorkommen. Es ist ganz einfach: Übersteigt die Menge des Stresshormons Cortisol im Blut eine gewisse Schwelle, so fährt das Gehirn besonders stark genutzte Bereiche – in diesem Fall den Hippocampus, der u. a. für das Abspeichern und Abrufen von Lerninhalten zuständig ist – komplett herunter, um Schädigungen vorzubeugen, denn Cortisol wirkt in zu großen Mengen wie ein Nervengift. Das ist, im Sinne der Selbsterhaltung, absolut angebracht. Leider erreichen Menschen mit Autismus oder ADHS diesen Zustand schneller als andere, da ihr Stressniveau durch die ständige Reizüberflutung in der Regel ohnehin erhöht ist. Ich jedenfalls hatte in jedem Fach und bei jeder Klassenarbeit Probleme mit Störungen, die meine Klassenkamerad:innen nicht einmal wahrnahmen, beispielsweise mit dem minimalen Flackern der Neonröhren in den Deckenlampen. Oder den im Gegenlicht tanzenden Staubfusseln, die mich immer an alles mögliche denken ließen. Oder dem ekligen Eiterpickel am Nacken des Mädchens mir gegenüber. Oder dem seltsamen Duft nach Lack, Schweiß und Dreck, der dem Pult unter mir entströmte. Oder dem Waschpulvergeruch der Sitznachbar:in zur linken. Oder dem fast unhörbaren Pfeifen beim Luftholen meiner Freundin zur rechten. Oder dem leisen Kratzen der Stifte auf dem Papier. Oder dem Ticken der Armbanduhr an meinem Handgelenk. Oder dem Rauschen meines Blutes im Innenohr. Oder dem Summen der Vorschaltgeräte in den Leuchtstoffröhren. Oder dem Scharren von Schuhen auf dem PVC-Boden. Oder dem Druck des Stuhls auf meinen Pobacken. Oder dem Kitzeln des unter mein Unterhemd gerutschten Haars. Oder, oder, oder. Bei Mathe kam dann noch der Stress, den ich mir selbst machte, hinzu.
Bin ich starken oder sehr starken Sinnesreizen ausgesetzt, ist es noch schlimmer. So muss ich mir, wenn ich auf dem Bahnsteig stehe und ein Zug vorbeifährt, die Ohren zuhalten. Je nachdem, wie schnell er ist, habe ich das Gefühl, dass er durch mich hindurchrast. Meine Wahrnehmung bereitet mir in solchen Momenten regelrecht körperliche Schmerzen. Selbst im Winter trage ich deshalb gerne eine Sonnenbrille, helles Licht tut seit jeher meinen Augen weh. Und bei bestimmten Gerüchen, bevorzugt sehr süßlichen Parfums oder dem typischen Kinobouquet nach Popcorn, Staub und Schweiß, würgt es mich. Auch bestimmte Lebensmittel kann ich nicht konsumieren, weil entweder ihre Konsistenz mich ekelt oder der Geschmack Brechreiz auslöst. Scharfe Speisen gehen auch nicht. Menschenansammlungen vermeide ich tunlichst und Wolle trage ich nie auf nackter Haut. Ich könnte die Liste endlos fortsetzen.
Mit Menschen zusammenzutreffen und mit ihnen auf welche Art auch immer zu kommunizieren, wird für mich oft zu einer großen Herausforderung. Kenne ich die Leute gut und sind es nur wenige, ist es okay. Kenne ich die Leute gut, aber es sind viele, wird es anstrengend. Ständig bin ich damit beschäftigt, Worte und Verhalten zu interpretieren und meine eigene Reaktion darauf abzuwägen. Da ich sehr empathisch bin – doch, Menschen mit Autismus oder ADHS sind das – erreichen mich auch unausgesprochene Signale aus den Innenwelten der Anwesenden, was mich schnell überfordert. Da hilft dann nur: Ruhe bewahren, auf die Toilette gehen, tief durchatmen und runterkommen. Unterhaltungen in einer größeren Gruppe folge ich daher meist stillschweigend. Ganz ungünstig ist es, wenn ich die Leute, mit denen ich zusammen bin, nicht oder nur schlecht kenne. Eine Party mit lauter Fremden und dann noch Small Talk machen – grauenvoll. Wenn ich mich ganz stark zusammenreiße, gelingt es mir für eine gewisse Zeit, der Anspannung standzuhalten, während ich mir im Stillen wünsche, bei meinen Katzen zu sein und ein gutes Buch zu lesen. Sobald die Höflichkeit es zulässt, verschwinde ich von der Feier und falle zu Hause todmüde ins Bett, um dann nicht einschlafen zu können, weil ich total überreizt bin. Immerhin verstehe ich mittlerweile dank des vielen Lesens, meinen ausgeprägten Beobachtungen und einiger Jahre Theater-AG während meiner Schulzeit, wie sich Menschen im allgemeinen verhalten und was von mir in den meisten Situationen erwartet wird. Doch obwohl ich die Regeln kenne, gelingt es mir trotzdem nicht immer, sie einzuhalten. Weder die verschiedene Handlungsoptionen, über die ich mittlerweile verfüge, noch die Rollen, die ich zu spielen gelernt habe, können das kompensieren. Oft genug wünsche ich mir, einfach nur unsichtbar zu sein.
Auf der anderen Seite bin ich ein sehr neugieriger, offener und an vielem interessierter Mensch, ich gehe gern ins Kino, ins Theater oder ins Museum und liebe Konzerte, aber bitte bestuhlt. Und ich schätze durchaus gute Unterhaltungen, leckeres Essen und interessante Ausflüge. Nur brauche ich anschließend sehr viel Zeit, um die zahlreichen Eindrücke zu verarbeiten und mich von ihnen zu erholen.
Die Kompensation einer solch extremen Reizoffenheit und der aus ihr entstehenden Probleme kostet Kraft. Kraft, die ich nicht immer habe. Wenn eine Lebenssituation sehr lange sehr anstrengend ist, kann es sein, dass ich – trotz Rückzugsphasen und sportlicher Betätigung – in einen Burnout rutsche, ohne es zu bemerken, weil ich viel zu beschäftigt damit bin, die Situation irgendwie unter Kontrolle zu behalten. Sobald die Belastung abebbt, falle ich in ein tiefes, schwarzes Loch, aus dem ich mich dann mühsam wieder herausarbeiten muss.

Kurz anhaltender, moderater Stress ist für die Leistungsfähigkeit eines Menschen durchaus förderlich, dauerhafter Stress hingegen keineswegs. Aus vielen Untersuchungen wissen wir mittlerweile, dass bei Menschen, die dauerhaftem Stress ausgesetzt sind, das ganze Körpersystem leidet. Chronischer Stress fördert die Entstehung physischer und psychischer Krankheiten oder verstärkt bereits bestehende. Kein Wunder also, dass Menschen mit Autismus und ADHS häufiger als neurotypische unter Depressionen, Zwängen, und Angststörungen leiden. Sie haben auch öfter Verdauungsprobleme, Schlafstörungen und Autoimmunerkrankungen.
Eine Studie zum Thema Verdauungsprobleme bei Autist:innen hat 2017 herausgefunden, dass diese ein anders zusammengesetztes Mikrobiom besitzen als der Durchschnittsmensch, und zwar eines der Darmgesundheit nicht eben förderliches. So leiden Menschen mit Autismus häufiger an Entzündungen im Verdauungstrackt. Andere Studien wiesen auch in ihren Gehirnen Entzündungsreaktionen nach. Da unser Darm ein wichtiger Teil des Immunsystems und über den Vagusnerv direkt mit dem Gehirn verbunden ist, gehen Forscher:innen heute davon aus, dass sich die beiden Systeme gegenseitig auf vielfältige Weise beeinflussen. Manche sehen im veränderten Mikrobiom sogar eine mögliche Ursache für Autismus. Versuche, bei denen Autist:innen Stuhl von neurotypischen Probanden implantiert wurde, zeigten, dass sich einige der für Autismus typischen Symptome besserten und scheinen die These zu bestätigen. Allerdings stellt sich mir die Frage, was zuerst da war: die Darmproblematik oder der Autismus? In meinen Augen der Autismus, bzw. die extreme Reizoffenheit, die direkt und indirekt zu einer enormen Stressbelastung führt. Cortisol spielt auch hier eine bedeutende Rolle. Da es die Bluthirnschranke überwindet, ist es durchaus möglich, dass es bei anhaltend zu hoher Konzentration nicht nur im Darm, sondern auch im Gehirn Entzündungen verursacht, die Nervenzellen schädigen oder abtöten können. Durchaus einleuchtend ist in diesem Zusammenhang, dass eine dauerhafte Reiz- und Stressreduktion bei Menschen mit Autismus oder ADHS zu einer Verbesserung der Symptome führt. Daher scheint mir das Erlernen von Entspannungstechniken nachhaltiger zu sein als Stuhlimplantationen, weil diese nicht verhindern, dass sich bei anhaltender Stressbelastung die Darmproblematik irgendwann erneut einstellt. Manche Therapien zielen darauf ab, das Mikrobiom über eine Veränderung der Ernährung positiv zu beeinflussen. Allerdings ist dies bei Menschen mit Autismus oder ADHS aufgrund ihrer sensorischen Besonderheiten und der daraus resultierenden Vorlieben und Abneigungen und den häufig bei ihnen vorkommenden Unverträglichkeiten und Allergien oft ein schwieriges Unterfangen. Für viele Betroffene einfacher umzusetzen ist eine moderate sportliche Betätigung, denn Bewegung senkt den Spiegel von Stresshormonen im Blut und ist aus diesem Grund ebenfalls geeignet, Menschen mit Autismus oder ADHS zu helfen. Vermutlich resultiert die Hyperaktivität einiger von ihnen u. a. aus dem unbewussten Versuch, genau dies zu erreichen.

Selbst alle Interventionen können Mensch mit Autismus oder ADHS in unserer schnelllebigen und durch das permanente Reizfeuerwerk der Medien geprägten Zeit nicht vor Überlastung schützen. Kein Wunder also, dass die Zahl der Autismus- und ADHS-Diagnosen immer weiter zunimmt. Einem Kind, das vor fünfzig Jahren mit seiner Besonderheit noch ganz gut klargekommen wäre, gelingt dies heute nicht mehr. Menschen mit Autismus und ADHS sind nur begrenzt anpassungsfähig. Die meisten von ihnen tun schon alles, was in ihrer Macht steht, um den Anforderungen unserer Gesellschaft zu genügen. Trotzdem gelingt es ihnen nicht, egal, wie sehr sie sich auch anstrengen. Ich wünsche mir für die Zukunft, dass Menschen mit Autismus oder ADHS so akzeptiert werden, wie sie sind und niemand von ihnen Dinge erwartet, die sie nicht leisten können oder wollen. Sie sind anders, nicht krank. Krank werden sie erst durch die vielfältigen Passungsprobleme und leider auch durch mangelndes Verständnis. Dabei besitzen sie besondere Fähigkeiten, von denen die ganze Gesellschaft profitieren könnte, wenn, ja wenn sie Menschen mit Autismus oder ADHS nicht ausschließlich als defizitär ansehen würde, als behindert, gestört, nervig, anstrengend oder dumm.
Ich schließe mich Kamila und Henry Makrams Meinung an: Nicht den Autisten fehlt es an Empathie, sondern uns fehlt die Empathie – für sie.

Quellen:

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