Acht

Ben zog fröstelnd die Schultern nach oben. Der hochgeklappte Kragen seines Mantels berührte seine Kinnlade, das Kratzen der Wollfasern auf der Haut jagte ihm einen unangenehmen Schauer über den Rücken. 
Es war der Morgen vor Heilig Abend und Ben auf dem Weg zum Frisörsalon. Seine Chefin hatte ihm unmissverständlich klar gemacht, dass er ihr so – mit so meinte sie seinen verwuschelten Haarschopf – nicht mehr unter die Augen kommen durfte, Expertenstatus hin oder her. Ben verstand nicht, warum es ihr wichtig war, dass er zum Frisör ging. Er selbst legte keinen großen Wert auf sein äußeres Erscheinungsbild, so wie er auf vieles, was für andere Menschen wichtig war, keinen großen Wert legte. Auf Teambuildingmaßnahmen beispielsweise. Oder Weihnachtsfeiern. Er verstand nicht, wo der Nutzen dieser meist viel zu lauten, viel zu anstrengenden und mit viel zu vielen gesellschaftlichen Fallstricken angereicherten Zusammenkünfte liegen sollte. Er verstand auch nicht, warum man sich unbedingt zur Begrüßung die Hände schütteln musste und dabei haufenweise Keime weitergab. Oder anderen Menschen einen schönen Tag wünschte, obwohl man sie nicht kannte. Eines jedoch verstand Ben sehr gut: Es war besser, sich nicht mit seiner Chefin anzulegen. Denn sie war, wie seine Stiefmutter, eine zickige Sieben.

Unschlüssig stand Ben vor dem Schaufenster des Frisörsalons. Durch sein schwarzgekleidetes Spiegelbild hindurch beobachtete er das Innere des Ladens. Eine weibliche gelbe Drei, eine männliche blaue Fünf und eine weibliche orangene Null bewegten sich im Raum, zogen an den Haaren der Kunden, schnippelten hier etwas, kämmten dort etwas.
Ben seufzte. Dann betrat er den Salon.
Die unterkühlte Fünf kam auf ihn zu, sein krankes blaues Leuchten beleidigte Bens Augen. Er blinzelte. »Einen Haarschnitt, bitte.«
Der Mann sah in abschätzend an, dann dirigierte er ihn zu einem freien Frisörstuhl. »Meine Kollegin kommt gleich.« Ben atmete erleichtert auf. Die unterkühlte blaue Fünf hätte er keinen Augenblick länger ertragen. 
In dem großen Spiegel vor sich beobachtete Ben die Menschen im Frisörsalon. Die Fünf und ihre Kundin, eine pinke Sechs, ignorierte er, die Farben waren zu unerträglich. In der linken Ecke echauffierte sich eine grüne Vier misslaunig über die Tagespolitik. Die schläfrige Drei sauste mit einem Rasierer ständig den gebeugten Nacken des Mannes hinauf. Als sich sein giftiges Grün und ihr gelangweiltes Gelb mischten, musste Ben wegsehen, so sehr ekelte ihn die dabei entstehende Farbe. Sie war fast so unerträglich wie die Mischung aus dem Ocker seines Vaters und dem Türkis seiner Stiefmutter. Die orangene Null auf der anderen Seite des Salons bestückte derweil eine braune Neun mit Lockenwicklern. Die alte Dame zwitscherte dabei wie ein Vögelchen und brachte die Frisörin zum Lachen. Fasziniert beobachtet Ben, wie die junge Frau die dünnen Haare der Alten geschickt auf die Röllchen drehte. Ihr helles Orange beruhigte Ben. Orange Nullen waren ausgleichend und angenehm im Umgang. Leider gab es sie selten. Noch seltener waren nur die roten Achten. Die roten Achten, die tiefer sahen als andere, die zwischen den Zeiten standen, die in Gedanken das ganze Universum bereisten. Seine Mutter war eine Acht gewesen. Sie hatte ihm alles erklärt, ihn zu sich selbst geführt und ihm eine innere Heimat gegeben. Doch dann war sie an Eierstockkrebs gestorben, als er neun war. 
Eine rote Acht auch Bastian, sein Freund aus der Grundschule. Der sein einziger Freund blieb und mit achtzehn nach Kanada auswanderte, um dort in einer Blockhütte mitten im Wald zu leben. 
Eine Lehrerin, die Ben zwar nur ein Jahr lang in der Oberstufe begleitete, aber dennoch erreichte, dass er lernte, an sich zu glauben. Ohne diese rote Acht hätte er sich nie getraut, gegen den Willen des Vaters Informatik zu studieren, um IT-Spezialist zu werden. Mittlerweile war Ben in seiner Nische sehr erfolgreich. Und sein Vater hatte für die Weiterführung seiner Arztpraxis einen neuen Nachfolger gefunden.
Eine rote Acht zu sein war eine Herausforderung. Sie vertrug sich nicht mit den anderen Zahlen. Die anderen Zahlen verstanden die Widersprüchlichkeit und die Komplexität der roten Acht nicht, nicht ihren Hang zur Metaphysik, nicht ihr Bedürfnis, die Welt verbessern zu wollen und schon gar nicht ihr tiefes Mitfühlen auch für die kleinsten Lebewesen. Allenfalls mit einer orangenen Null konnte es eine Weile funktionieren, weil die Null ausgleichend war und ihr Orange dem Rot ähnelte. Aber meist hielt eine Verbindung nicht lange, denn die orangene Null war in ihrem Wesen praktisch und bodenständig, die geistigen Disziplinen lagen ihr nicht. Rote Achten waren daher meist Einzelgänger. 
Ben war eine rote Acht. 

Seit zehn Minuten hockte er bereits in seinem Frisörstuhl, doch es störte ihn nicht. In Gedanken feilte er an einem Algorithmus, der ihn schon seit ein paar Tagen beschäftigte. Er bemerkte die Frisörin erst, als sie neben ihm stand. Sie hatte ungefähr sein Alter. Irritiert sah er sie im Spiegel an, dann drehte er sich zu ihr um und blickte ihr ins Gesicht. »Was für einen Schnitt hättest du denn gerne?«, fragte sie freundlich. Ben blinzelte, einmal, zweimal, dreimal. Etwas war passiert, etwas, das er, seit er denken konnte, noch nie erlebt hatte: Die Frau war weder eine Zahl noch eine Farbe. Ben kniff verwirrt die Augen zusammen, konzentrierte sich. Was er dann wahrnahm, verwirrte ihn noch mehr: Da waren sehr wohl Zahlen und Farben. Doch sie veränderten sich ständig und mit solcher Geschwindigkeit, dass es wirkte, als wären sie alle gleichzeitig da. Oder nicht vorhanden.
Die Frisörin schien seine Überraschung nicht zu bemerken. »Ich rate mal: Es ist bald Weihnachten und du willst gut aussehen. Für die Frau Mama? Ach was, für dein Date, stimmts? Lass mich mal machen.« Ben tat, was er sonst nie tat: Er blickte der Frau direkt in die Augen. Sie lächelte. Mit den Pupillen, nicht mit dem Mund. Er wusste nicht, wie sie das machte, aber sie tat es.
Bevor er den obligatorischen Gang zum Waschbecken ablehnen konnte, hatte sie bereits eine Wasserspritze zur Hand genommen und besprühte vorsichtig seine Haare. »Waschen brauchst du heute nicht«, stellte sie lakonisch fest. In rasender Geschwindigkeit kämmte sie anschließend seine wirren Locken, ohne dass er auch nur ein Ziepen spürte. Fasziniert starrte er im Spiegel ihre irrlichternde Aura an. Er war zweiunddreißig Jahre alt, doch etwas derartiges hatte er noch nie gesehen. 
So schnell, wie sie sein Haar gekämmt hatte, schnitt sie es auch. Ben gelang es kaum, ihren Bewegungen zu folgen. Staunend beobachtete er, wie er sich verwandelte. Der Ben, der ihm nun aus dem Spiegel entgegensah, war ein anderer als zuvor, erwachsen und selbstbewusst. »Voila«, rief die Frisörin und föhnte ein paar Strähnen von seinen Schultern. Ihre Augen lächelten sein Spiegelbild an. In Ben tauchte zögernd und aus sehr weiter Ferne ein Gefühl auf, ein Gefühl, dass er vor dreiundzwanzig Jahren verloren hatte: Heimat. Wieder tat er etwas, was er sonst nie tat: Er lächelte zurück. Mit dem Mund. Weil er es mit den Augen nicht konnte. »Ich bin nicht dein Date«, sagte die Frisörin, als sie seinen Gesichtsausdruck bemerkte. »Aber bald ist Weihnachten. Da ist alles möglich.«
Mit einem dicken Pinsel wirbelte sie über seinen Nacken, um die letzten Haarreste zu entfernen, dann zog sie mit Schwung den Umhang von seinen Schultern. Die Berührungen elektrisierten Ben, er fühlte sich eigenartig benommen. Vorsichtig stand er aus dem Frisörstuhl auf und kramte in seiner Hosentasche nach seinem Portemonnaie. 
»Geht heute aufs Haus«, sagte sie und das Lächeln sprang wieder in ihre Augen. Ben wusste nicht, wie er reagieren sollte, stotterte ein »Danke« und tat es erneut: lächeln. Langsam bekam er Übung darin. Er lächelte weiter, zog seinen Mantel an, verließ den Frisörsalon. Und lächelte. Er lächelte die blauen Fünfen an, die ihm in der Fußgängerzone entgegenkamen. Auch die grünen Vieren, die braunen Neunen, die pinken Sechsen, selbst die zickige türkise Sieben in der U-Bahn. 

Als Ben die Tür zu seiner Wohnung aufschloss, lächelte er immer noch. Drinnen begrüßten ihn freundlich schnurrend Lina und Luna. Sie waren Geschwister, die einzigen getigerten aus einem Wurf schwarzer Katzen, den er sich vor Jahren im Tierheim angesehen hatte. Er wusste sofort, dass er diese beiden haben wollte. Nicht weil sie besonders niedlich aussahen – das taten sie – sondern weil sie rote Achten waren. Während er sich die Doc Martens auszog und in den Schuhschrank stellte, erzählte er ihnen von seinen Erlebnissen im Frisörsalon. Lina und Luna sahen ihn aufmerksam an, kommentierten seinen Vortrag mit lautem Miau und schnupperten aufgeregt an ihm, als er sich zu ihnen hockte, um sie zu streicheln.
Bens Zuhause bestand aus achtzig Quadratmetern blitzblanker Farblosigkeit: Wände, Möbel, Accessoires – alles Weiß. Es gab viele Bücher, viele Schwarz-Weiß-Bilder und viele Aufbewahrungskisten. Alle Gegenstände hatten einen sinnvollen Platz, nichts wirkte zufällig, nachlässig oder unaufgeräumt. Selbst das für die Haltung von Lina und Luna unabdingbare Zubehör wie Kletterbäume, Schlafplätze und Katzentoiletten waren perfekt in die Wohnung integriert. Da Ben fast ausschließlich Homeoffice machte, besaß er ein exzellent ausgestattetes Arbeitszimmer mit allem, was das IT-Herz begehrte. Und weil er zudem ein passionierter Gamer war, fanden sich in dem Raum auch verschiedene Konsolen und ein stationärer Spielecomputer samt riesigem Bildschirm.
Die Wohnung war für Ben ein sicherer Rückzugsort und ein – wenn auch unvollständiger – Ersatz für die Heimat, die er vor dreiundzwanzig Jahren verloren hatte. Betreten durfte sie niemand außer ihm. Ging etwas kaputt, reparierte er es selbst, damit er keinen Handwerker hereinlassen musste.
In der Küche gab Ben den beiden Katzen etwas Futter. Anders als er sich das auf dem Heimweg vorgenommen hatte, ging er anschließend nicht in sein Arbeitszimmer, um an dem Algorithmus zu feilen, der ihn schon seit Tagen beschäftigte, sondern setzte sich im Wohnzimmer auf das Sofa. Lina und Luna folgten ihm bald darauf und ließen sich schnurrend auf seinen Oberschenkeln nieder. Durch Bens Gedanken geisterte immer wieder die Frisörin. Wann hatte er sich das letzte Mal mit einer Frau getroffen, die nicht eine Kollegin, ein Familienmitglied oder seine Chefin gewesen war? Ihm fiel nur Klara ein, die orangene Null, die er vor ein paar Jahren so lange gedatet hatte, bis er feststellte, dass er in einer völlig anderen Welt lebte als sie und nicht bereit war, diese Welt für ihre zu verlassen. Hätte ihn am Morgen irgendjemand gefragt, ob er einsam war, so hätte er das verneint. Doch jetzt, im trüben Dämmerlicht des Winternachmittags, wusste er nicht, ob diese Antwort stimmte.
Eine Weile kraulte er die beiden Katzen, während er den Ablauf des Abends durchging, dann trödelte er ins Arbeitszimmer und holte seinen Computer aus dem Ruhemodus. Er hatte sich mit seiner Familie zum Videocall verabredet. Durch Lina und Luna besaß er seit ein paar Jahren eine willkommene Ausrede, um die Besuche in seiner Heimatstadt auf ein Minimum zu begrenzen. Ein Telefonat hin und wieder oder den weihnachtlichen Videocall konnte er nicht umgehen, doch mit etwas gedanklicher Vorbereitung überstand er die Gespräche ohne größere Malaisen auf beiden Seiten.

Um Punkt sechzehn Uhr pingte Ben seine Familie an. Natürlich waren sie noch nicht bereit. Er wartete fast eine Viertelstunde, bis sie endlich alle am Bildschirm versammelt waren. Stiefschwester Stina, im knallbunten Outfit, dessen Farben sich allesamt mit dem garstigen Pink ihrer Eins bissen, kommentierte als erste seine neue Frisur: »Soooo laaaangweilig!« 
Seine Stiefmutter, die türkise Sieben, war die nächste. »Jetzt siehst du endlich wie ein Mensch aus und nicht mehr wie ein Höhlenbewohner«, sagte sie, ätzend wie immer.
Sein Vater, die cholerische Ocker-Zwei, zuckte nur gelangweilt mit den Schultern. Wie Ben aussah, hatte ihn noch nie interessiert. Dafür maulte er nun darüber, dass schon wieder eine Sprechstundenhilfe gekündigt hatte. »Warum verpissen die sich nur immer so schnell?« 
Ben, abgelenkt von seinen Gedanken an den Algorithmus, ließ sich zu einer Erwiderung hinreißen. »Hast du in Erwägung gezogen, dass es an dir liegen könnte?« Noch während er den Satz aussprach, verfluchte er sich dafür. Er wusste aus leidvoller Erfahrung, dass niemand es schätzte, von Ben erklärt zu bekommen, wo die Ursache seiner Probleme lag, schon gar nicht sein Vater. Vor allem dann nicht, wenn er betrunken war. Ben hatte den rötlichen Unterton in seinem Ocker für einen Übertragungsfehler gehalten. Jetzt war es zu spät. Wie angestochen zeterte sein Vater los: »Du hast mir gar nichts zu sagen! Kümmere dich um deinen eigenen Kram! Was fällt dir überhaupt ein …« Ben hörte sich die Litanei an, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Das konnte er inzwischen sehr gut. Außerdem war es die einzige Art, das Gemüt seines Vaters zu beruhigen.
Nach einer Weile hatte sich sein Erzeuger abgeregt, die Unterhaltung wurde gemächlich und belanglos. Ben kommentierte höflich den Weihnachtsbaum. Es gelang ihm sogar, dabei nicht zu lügen. Er lobte seine Stiefmutter für die tolle Dekoration und Stina für ihr buntes Outfit. Woraufhin sie ihm begeistert vom Cyberpunk-Style erzählte, mit dem sie seit ein paar Wochen experimentierte. »Wäre auch was für dich«, meinte sie euphorisch zu Ben. »Immer nur Schwarz ist doch laaangweilig.«
Ben holte tief Luft. Wie sollte er Stina erklären, dass seine Welt schon bunt genug war und er daher nicht noch mehr Farbe um sich haben wollte? Wie sollte er das irgendjemandem erklären? Er atmete langsam aus und verzog keine Miene. »Mal sehen«, sagte er unbestimmt. Stina gab sich damit zufrieden.
Das Gespräch lief nun bereits seit einer halben Stunde. Ben bemerkte, wie sich eine innere Unruhe in ihm ausbreitete, das farbige Geflimmer zwischen Ocker, Türkis und Lila forderte ihn zunehmend heraus. Behutsam leitete er den Abschied ein, wünschte einen schönen Heiligen Abend und versprach, sich bald wieder zu melden.

Nachdem der Videocall beendet war, sank Ben völlig erschöpft auf seinem Stuhl in sich zusammen. So war es immer, wenn er in zu kurzer Zeit mit zu vielen Menschen Kontakt gehabt hatte. Er schloss die Augen, konzentrierte sich auf seine Atmung und versetzte seinen Geist in den Ruhemodus. Nach zehn Minuten kehrte er in den Tag zurück, entspannter jetzt und bereit, sich seinen Gemüseeintopf mit Hackbällchen zu kochen. Schon als Kind war dieses Gericht seine Leibspeise gewesen. Eigentlich aß er kaum etwas anderes. Nicht nur, weil es ihm schmeckte, sondern auch, weil es gesund und praktisch war. Warum sollte er etwas Neues ausprobieren und viel Zeit investieren, ohne zu wissen, ob das Gericht ihm zusagte, wenn ihm Gemüseeintopf mit Hackbällchen ganz sicher schmeckte und leicht zuzubereiten war? 
Nach der Mahlzeit blieb Ben in der Küche am Esstisch sitzen, seine Gedanken umkreisten die Frage vom Nachmittag. War er einsam? Und wenn ja, wie erkannte er das? Ben dachte nach. Es gab schon seit vielen Jahren keine Person mehr, mit der Ben die schönen und die hässlichen, die wichtigen und die unbedeutenden, die aufregenden und die langweiligen Ereignisse seines Lebens teilen konnte. Bis zum Abitur hatte sein Freund Bastian diese Position innegehabt. Später dann, nach dem Studium, war da Klara gewesen. Doch mit ihr funktionierte es nicht richtig, sie blieben einander fremd und beendeten ihre Beziehung bald. Ben hatte nur Lina und Luna.
Er horchte in sich hinein. Allmählich begann sich etwas, das Ben früher als Leere wahrgenommen hatte, aus seiner Namenlosigkeit zu schälen und als Gefühl in seinem Innern zu manifestieren. Ben wusste nun, dass Leere nicht die richtige Bezeichnung für dieses Gefühl war. Dieses Gefühl hieß Einsamkeit.
Ernüchtert starrte er aus dem Fenster in die Dunkelheit. Schlagartig überwältigte ihn die Sehnsucht nach seiner Mutter, seine Kehle fühlte sich an wie zugetackert. Dieses Gefühl kannte Ben nur zu gut. Er begann zu weinen.

Als er früh am nächsten Morgen nach unruhigem Schlaf erwachte, hatte er Kopfschmerzen. Sein Schädel schien geflutet zu werden von tausenden bestialischer Blutegel, die sich in seinem Gehirn festsaugten und an seinen Nervenfasern nagten. Lina und Luna beobachteten ihn besorgt, während er sich stöhnend aus dem Bett quälte. Fluchend kramte er in der Kiste mit den Medikamenten, aber er fand kein Analgetikum. Wann er das letzte Mal Kopfschmerzen gehabt hatte, wusste Ben nicht mehr, aber er wusste ganz sicher, dass noch Ibus da sein mussten. Doch er fand sie nicht. Nicht in der Kiste, nicht in der Küche, nicht im Kühlschrank.
Irritiert zog er sich an. Dann googelte er die nächstgelegene Notfallapotheke und machte sich auf den Weg, um seiner Qual mit dem passenden Medikament ein Ende zu setzen.

Ben entschied sich dagegen, die zwei Kilometer bis zur Apotheke zu Fuß zurückzulegen, denn jeder Schritt schmerzte in seinem Schädel. Also nahm er die U-Bahn. Zum Glück waren am Weihnachtsmorgen nur wenige Menschen unterwegs, auf die farbliche Provokation einer größeren Ansammlung hätte er in seinem Zustand vermutlich mit einem Schreianfall reagiert. Aber es war auch so schon schlimm genug: Das Neonlicht an der Decke quälte Bens Augen, das Quietschen der Bremsen seine Ohren und der Geruch nach Schmierfett, Schmutz und Schweiß fand einen unangenehmen Widerhall in seinem Magen.
Endlich vor der Apotheke angekommen, glaubte Ben, aus den Augenwinkeln an der gegenüberliegenden Bushaltestelle die Frisörin zu erkennen. Hastig drehte er sich um, doch es stand nur eine gelangweilt aussehende alte Frau dort. Ben stutzte, dann wendete er sich wieder der Notfallklingel zu und drückte sie. Nach einer Weile kam aus einem Nebenzimmer eine Apothekerin, die seine Bestellung entgegennahm. Die Schachtel Ibuprofen, die sie ihm geholt hatte, bezahlte Ben in bar. 
Weil er damit beschäftigt war, sein Kleingeld im Geldbeutel verschwinden zu lassen, während er sich in Richtung U-Bahn-Haltestelle in Bewegung setzte, stieß er mit einer Person zusammen, die offenbar direkt hinter ihm gestanden und gewartet hatte, um ebenfalls etwas in der Apotheke zu kaufen. Sowohl Portemonnaie als auch Tablettenpackung landeten auf dem Bürgersteig. Ben bückte sich, eine Entschuldigung murmelnd, und wollte die Sachen aufheben. Doch die andere Person war schneller und hielt ihm die verlorenen Gegenstände entgegen.
»Auch Kopfschmerzen?«, hörte er eine leise Stimme sagen. Ben richtete sich auf. Was er dann sah, war so gegen alle seine Erwartungen, dass er die Person, die ihm Portemonnaie und Tabletten entgegenhielt, benommen anstarrte. Vor ihm stand eine Frau, sie war ungefähr in seinem Alter und komplett in Schwarz gekleidet. Ihr Haar hatte den gleichen Schnitt wie seines. Und sie lächelte ihn an.
Bens Herz flog davon wie eine Lerche, stieg höher und höher, dem Himmel entgegen. Seine Kopfschmerzen waren verschwunden, seine Einsamkeit ebenfalls. »Kaffee?«, fragte er und konnte nicht mehr aufhören zu lächeln. Die Frau nickte.

Sie war eine rote Acht.

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